Muscles & bones


The series depicts young adults at the public bathing areas at the Old Danube river in Vienna. It addresses how media and advertisement influences the poses chosen by the teenagers.

Vienna, June 2013
Series of 25 photographs

Original plate: Ferrotype, 13x18cm, unique copy

Print-edition: pigment prints from (wetplate/ ferrotype scan), framed 66 x 88 cm, edition: 5


Leporello: „human atlas“, Vienna and Milan, 2014, artist-edition: 20
Untitled (Trio)

Untitled (Group large)
Untitled (Father/daughter)




Resurrecting Faces
by Christina Natlacen (abbreviated version)

In his chapter “On the Theory of Knowledge, Theory of Progress” of his unfinished opus magnum The Arcades Project Walter Benjamin refers to the dialectic image. There the past comes together with the present in a flash to form a timeless unit, where dialectics comes to ­a standstill. Similarly, the tintypes of the Austrian artist Agnes Prammer seem to have fallen out of time, yet they are deeply rooted in the present. In the series “muscles and bones” Prammer uses the historic wet-plate techni­que, which had its prime in the second part of the 19th century, for portraits of individuals, couples and groups of people. By this technique unique pictures could be created fast and inexpensively which is remarkable for that period of time. Photographers exposed the image directly on small and handy tin plates. Because of the dark, opaque carrier material the negative of the photograph emerges as the positive image. Yet Agnes Prammer uses this old technique not just as a feat or superficial décor, but she penetrates with her specific application to the core of wet-plate photography.

Wet-plate photographers usually conducted their business as traveling photographers and offered their ­services at alternating locations. With their portable darkrooms they often photographed in the open air or set up a tent near fun fairs, where they could immediately hand over the finished photographs to their customers. Especially in the context of fun fairs, having one’s image taken on wet-plates became a spectacle of its own. Agnes Prammer also practices as an itinerant photographer. For ­instance, in 2008 she traveled and took tintypes in ­Missouri for a month. Or in July 2013 she set up her mobile darkroom at the Old Danube beaches in Vienna every day. The presence of her unusual historic photo equipment alone attracted the attention of passersby. Furthermore, the Old Danube is a favorite meeting place for many teenagers at summertime – to linger, sunbathe and flirt. Prammer approached primarily these young adults and often they became models for her photographs.

The wet-plate technique does not only affect the role of the photographer. It significantly influences the behavior of the posing individuals as well. Due to the long exposure time it is necessary for the models to remain completely still during the shooting to prevent motion blur. Typically, the models assume steady poses which provide certain stability and which help avoiding swift motions of facial expressions. Instead of a smile, an attentive gaze towards the camera is rehearsed, which gives the ­photographs solemnity, permanence and ­dignity – exactly those qualities which, in former times, were associated with the significance of the photographic act. Because of these technical requirements the teenagers of the 21st century are in a way forced to adapt their ­bodies to a past concept of time. It is not the photographer who guides the models into their poses; it is the wet-plate process, which reflects the past within the present.

At the present time of amateur digital image culture, which is characterized by the possibility of taking pictures by cell phone or digital camera almost everywhere at any time and of publishing them on the internet, the anachronism of Agnes Prammer’s photographic concept strikes the eye immediately. For the unique moment of picture taking the people in front of the camera are compelled to assume one carefully selected pose and not to think about the usual criteria of immediate repeatability or corrections. ­Especially the group portraits reveal constellations which could not be achieved by instant digital photography: deliberate gestures, cautious touches, contemplated relations of distance and closeness. By choosing teenagers, who are closely attached to fashion and zeitgeist, as models, the collision of two different time levels is even more apparent. On the photograph itself the dialectic order of past and present comes to a standstill and reveals what is essential: the individuality of every person.





Untitled (Sisters)


Untitled (Sisters), Originalplatte - Ferrotypie, 13x18cm, gerahmt ca. 20x28cm


Untitled (Sisters), Printedition (von Scan), gerahmt ca. 66x88cm



Untitled (Group girls close)
Untitled (Group sitting)

Untitled (Familiy)

Untitled (Two men)

Untitled (Three girls)




Muscles & bones
Agnes Prammer, 2015

Ich fotografierte für die Serie „muscles & bones“ Jugend­liche an den Badestränden an der Alten Donau in Wien. Ich fragte fremde Personen, ob sie Lust hätten, für mich Modell zu stehen. Ich arbeitete mit dem Kollodium-Nassplatten-Verfahren.
Die Personen stehen, sitzen und lehnen immer mittig im Bild. Meist sind sie als Paare oder in ­Gruppen abgebildet. Nur wenige befinden sich alleine auf dem Bild. Fast immer ist der Blick direkt an den / die BetrachterIn gerichtet. Die Kamera nimmt in fast allen Bildern eine distanzierte Position ein. Im Hintergrund sieht man Natur. Die Personen tragen meist nur ihre Badebekleidung.

Inhaltlicher Schwerpunkt ist das Thema: „selbstinszeniertes Gruppenporträt“ mit Fokus auf Jugendliche und jungen Erwach­sene. Während diesem Lebensabschnitt beschäftigen sich die Personen besonders intensiv mit Einflüssen aus unterschiedlichen Massenmedien. Mich interessiert, ob die jungen Laienmodelle – in den selbstgewählten Posen – Vorbilder und (Gender-)Stereotypen aus den unterschiedlichen Quellen imitieren.

Die Fotografie „Untitled (Sisters)“ verkörpert diese Thematik für mich sehr gut. Links, lehnt die jüngere Schwester lässig an dem Baum. Ihr Blick schwankt zwischen einer gewissen Gleichgültigkeit und Ernsthaftigkeit. Die ältere Schwester hat Posen aus den Medien bereits verinnerlicht. In ihrer Pose rekonst­ruiert sie ihr Bild einer weiblichen Pose: sie steht in der klassischen Spielbein-Standbein-Pose. Mit der rechten Hand versteckt sie die dickere Stelle des Oberschenkels. Ihr Körper macht einen leichten Knick.
Erst durch das direkte Nebeneinander in einem Bild wird der Bruch deutlich, den ein paar Jahre Altersdifferenz im Aufwachsen ausmachen.

Ein weiterer Aspekt der Arbeit ist das Arran­gement selbst: Welche Distanz wird zueinander gewählt? Kommt es zu Berührungen? Und falls ja, welche Art der Berührungen finden statt? Welche Be­ziehungen und Rollen gibt es innerhalb einer Gruppe? Wie finden sich diese auf der Fotografie wieder?
Ein weiterer wichtiger Punkt bei den Gruppenar­rangements ist die Rolle des / der Einzelnen inner­halb der Gruppe.

Das Kollodium-Nassplatten-Verfahren verdeutlicht für jeden / jede TeilnehmerIn den Fotografie-Prozess. Ich mache pro Sujet nur eine einzige Aufnahme. Die Posen werden sehr bewusst ausge­wählt. Das Verfahren setzt große Konzentration voraus. Es verdichten sich dadurch die Strukturen einer Gruppe innerhalb des Fotos stark.
Die porträtierten Person­en sind sich ihrer Rolle als Modell und der gewählten Pose sehr bewusst. Sie wissen, dass ihr Abbild für die spätere Betrachtung durch Andere gedacht ist und sie gerade zum „Sujet“ werden. In den gewählten Posen imitierten die TeilnehmerInnen das Bild, das sie von sich haben. Sie versuchten so abgebildet zu werden wie sich sich selbst repräsentiert sehen wollen.
Bereits 1980 nimmt Roland Barthes in „Die helle Ka­mmer“ die Verhaltensweisen des aktuellen selfie-Trends vorweg und beschreibt, wie Personen, die eine Kamera auf sich gerichtet spüren, eine Idealvorstellung ihrer selbst imitieren, um auf der Fotografie „richtig“ abgebildet zu sein. Mich interessieren diese Momente der Selbstimitierung. Welche Pose verdeutlicht das eigene Selbstbild? Was wird freiwillig von sich preisgegeben? Aber noch spannender sind die Momente, wo die Selbstimitierung nicht ganz gelingt und die Modelle auch anderes zeigen als sie wollten. Die Fotografin Diane Arbus beschrieb dieses Phänomen als den Abstand zwischen dem, was das Modell beabsichtigte zu zeigen, und dem Endergebnis, das auf der Fotografie zu sehen ist.

Die Serie soll nicht didaktisch ein Thema erklären und direkte Lösungen und Antworten vermitteln. Der / die BetrachterIn soll eigene Verknüpfungen zwischen den Bildelementen erstellen.
Die Fotografien werden im Format 70 x 90 cm präsent­iert. Ich entschied mich bei dieser Serie bewusst gegen das Ausstellen der Unikate. Mit dem Material und Format der Bilder erinnere ich an Werbeplakate im öffentlichen Raum. Gleichzeitig wollte ich die Referenz zu dem klassischen Familienbild nicht völlig verlassen. Deshalb wählte ich kein absolutes Über­format. 70 x 90 cm erschien mir als ideales Zwischenformat, bei dem beide Assoziationen noch Platz finden. Die Größe der gerahmten Bilder liegt trotzdem etwas über dem Format, in dem Bilder im privaten Gebrauch zuhause üblicherweise aufgehängt werden. Der / die BetrachterIn muss eine gewisse Distanz zu den Bildern einnehmen, um sie gut betrachten zu können. Dies wirkt, meiner Meinung nach, einer Personalisierung der TeilnehmerInnen entgegen. Die Personen werden dadurch mehr als Modelle und Platz­halter für andere wahrgenommen und nicht mehr als ein Individuum.











Exhibition catalogue / Leporello:
human atlas

Vienna and Milan 2014
Leporello fold, 80 x 15 cm, language: english and italian, two editions: 100 / 20 „Human atlas“ consists of eleven photographs from the series “muscles & bones” (2013) and “Young blood” (2008).



The images focus on the depiction of young adults. Most of the photographs show group portraits. It includes text by Adelaide Santambrogio, Daniele Astrologo Abadal and Chritina Natlacen about the work.


Available here / Hier zu kaufen.


Publikations / publications

Books: 
- Ein Gramm Licht, Christoph Schaden / Günter Derleth, Nürnberg 2014
- Experiment Analog - Fotografische Handschriften im Zeitalter des Digitalen, Karin Mack, Wien 2014


Magazines:
- Eikon (Ausgabe #88, 2014), Ruth Horak, „Im Fokus: Eine Hommage an das Analoge“, Wien
- Photonews (Ausgabe 10 / 14), Cover